Abreise

Abreise

 

(Die Geschichte wurde aus drei vorgegebenen ersten Sätzen entwickelt)

 

Fast geräuschlos glitt der letzte Nachtzug aus der Halle. Der Bahnsteig war leer bis auf einen einzigen Mann. Er hatte sich eine Zigarette angezündet und starrte dem Zug nach, dessen rote Schlusslichter rasch kleiner wurden. Wie schon oft hatte Richard auch dieses Mal dem Impuls, einfach einzusteigen, wider-standen. In ihm stritten Erleichterung und Bedauern.

 

Wenn er es vor Sehnsucht nicht mehr aushielt, zog es ihn zum Bahnhof. Er studierte dann Fahrpläne, beobach- tete den ruhelosen Strom der Reisenden, ging ins Bahn- hofslokal und genehmigte sich einen Kaffee oder ein Glas Wein und malte sich aus, wie er eine Fahrkarte kaufte, sich Reiselektüre und ein bisschen Proviant be- sorgte, einen Waggon bestieg, sich einen Fensterplatz suchte und all das, was seinen Alltag beschwerte, hinter sich ließ. Er konnte das rhythmische Rattern, Schlagen und Stoßen des Wagens hören und verfiel in Tagträume, die ihn seinem ersehnten Ziel immer näher brachten. Vor seinem inneren Auge spulte sich seine Anspannung während der Taxifahrt zu Susannes Wohnung, ihr überraschter Aufschrei und das Ineinanderfallen ab. Die Durchsage der Bahnhofsaufsicht oder andere Ereignisse katapultierten ihn dann regelmäßig in die Realität zurück, und es blieb nichts als der Weg nach Hause, in die Trostlosigkeit.

 

Nach einem Blick auf die Bahnhofsuhr schlenderte er, scheinbar ziellos, durch die spärlich beleuchteten Stra- ßen, doch seine Beine trugen ihn traumwandlerisch zu seinem Haus. Er suchte in der Manteltasche den Schlüssel, schloß auf und trat, ohne Licht zu machen, in den vom durch das Fenster einfallenden Schein der Straßenlaterne nur schwach erleuchteten Vorraum, schlüpfte aus Mantel und Schuhen und stieg schleppend auf Strümpfen die Treppe zu seinem Zimmer hinauf.

 

Marion und Martin schliefen sicher längst. Seine Frau und sein Sohn bewohnten schon lange das eheliche Schlafzimmer, da Marion jederzeit auf Martins Bedürf- nisse reagieren musste. Sie meinte, Richard brauche seinen Schlaf, damit er den beruflichen Anforderungen gerecht werden konnte, denn wenn er wegen aus Über- müdung verursachter Fehler seine Stelle verlöre, hätten sie zu allem Unglück auch noch finanzielle Sorgen. Deshalb war Richard ins Gästezimmer umgezogen. Seit Martins Unfall vor vier Jahren hatte ihre Beziehung sich allmählich auf praktische Notwendigkeiten reduziert, und Marion ging in der Pflege des Sohnes, der seit damals im Wachkoma lag, völlig auf. Für Richard blieb nichts übrig. Sie war einfach zu erschöpft, und auch ihn verließen die Kräfte. Am Wochenende übernahm er weitgehend die Pflege, damit Marion ausruhen konnte, aber er genügte ihren hohen Ansprüchen nicht, und sie griff ständig in seine Bemühungen ein. Er fühlte sich ihrem Heroismus unterlegen und minderwertig und schämte sich seiner Bedürfnisse, die er nicht unterdrücken konnte. Er ver- misste ihre Gespräche, die Zuwendung, die sie einander geschenkt hatten, und litt darunter, dass es ihr offenbar viel besser als ihm gelang, mit der Situation fertig zu werden.

 

Bei einer Schulung in Hamburg hatte er abends an der Hotelbar Susanne kennen gelernt. Sie hatten sich ein paar Mal in ihrer Wohnung wiedergetroffen. Marion hatte er erzählt, er müsse zu Wochenendseminaren zur Weiterbildung, was manchmal sogar den Tatsachen ent- sprach. Der Widerstreit zwischen der Sehnsucht nach Susannes Zärtlichkeiten und dem schlechten Gewissen gegenüber Marion und Martin zermürbte ihn. Die Zukunft erschien ihm wie eine endlose Wüste, in der ihm das Wasser längst ausgegangen war, aus der es kein Entrinnen gab.

 

Müde zog er nur Hemd und Hose aus und kroch unter die Decke. Er fror, und das Gedankenkarussell drehte sich ohne Unterlass. Er verfing sich wieder in seiner Per- spektiven- und Hoffnungslosigkeit. Irgendwann fiel er in kurzen, traumlosen Schlaf, wachte jedoch bald wieder auf. Ein Weilchen saß er kraftlos auf dem Bettrand, stand dann schwerfällig auf und holte sich im Bad ein Glas Wasser. Er trank, und währenddessen fiel sein Blick in den Spiegel. Er erkannte sich kaum, kam sich fremd vor. Im Schein der Neonlampe sah er grünlich aus, blass und eingefallen. Dunkle Schatten um die Augen vervoll-ständigten den Eindruck eines Toten. Er starrte eine Weile in dieses Gesicht und verstand plötzlich dessen Symbolik. Er füllte das Glas erneut und nahm es kurz entschlossen mit in sein Zimmer.

 

Er entnahm der Nachttischlade die Schachtel, in der er Schlaftabletten gesammelt hatte. Er drückte sie aus den Blisterpackungen ins Glas und rührte mit dem Brieföffner um, setzte sich damit auf die Bettkante und nahm einen Schluck. Gallebitter. Entschlossen trank er in einem Zug das Glas leer und schüttelte sich vor Ekel. Er holte sich noch einmal Wasser und spülte den bitteren Geschmack hinunter. Schließlich legte er sich hin, nun ganz er- leichtert und entspannt. Tief und gleichmäßig atmend glitt er schließlich in den Schlaf hinüber.

 

Morgens stürmte Marion atemlos in sein Zimmer und rüttelte ihn:

Wach auf! Martin... ich kann ihn nicht wecken – ich glaube, er ist gestorben!“

Richard reagierte nicht mehr. Er war endgültig abgereist.

 

© Barbara6491

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