Bin ICH bereit, in den Spiegel zu schauen?

 

Schon mit dem Titel dieser Betrachtung fing es an:

Ich hatte ursprünglich geschrieben: "Sind wir bereit..."

Das ist mir aber wenigstens gleich aufgefallen, was da nicht stimmt.

 

Es gibt diese Wörter wie "man", oder immerhin schon besser "wir", die wir vorschieben, wenn es eigentlich "ICH" heißen sollte, besonders, wenn man - wie ICH - eine gestörte Selbstwahrnehmung hat.

 

Jeder kennt das:

Was immer einen selbst gerade betrifft, dem begegnet man auch bei Anderen und staunt, dass doch immerhin Einige die selben Probleme haben wie man selbst.

 

Das geht allerdings auch umgekehrt:

Man nimmt bei Anderen ein Problem wahr, bildet sich eine Meinung und äußert sie - z.B. in Form guter Ratschläge - und begreift erst hinterher, dass man selbst gerade deshalb diesen guten Rat gegeben hat, weil er einen selbst betrifft. Andere spiegeln mir selbst mein Problem - die Frage ist nun, ob ich bereit bin, in diesen Spiegel zu schauen und mich selbst zu erkennen!

 

Praktisches Beispiel:

 

Ich habe gestern und auch schon früher einer Freundin den Rat erteilt, sehr belastende Probleme mit einem Verein loszulassen, indem sie die Beschäftigung aufgibt und erst später begriffen, dass ich auch noch immer in dieser Schleife hänge, da ich meiner früheren Freiheit (z.B. zu reisen) doch noch sehr nachtrauere. Soweit, so gut - wir sind in einer ähnlichen Lage, da wir

 

1. alt sind - da beißt die Maus keinen Faden ab, das ist zu akzeptieren, und

 

2. erst begreifen und dann akzeptieren müssen, dass wir in die letzte Lebensphase eingetreten sind, in der wir von der öffentlichen Bühne abtreten, um Jüngeren das Feld

zu überlassen.

Was uns bleibt, ist z.B. das Kümmern um pflegebe-dürftige Angehörige:

Sie spiegeln uns das, was uns erwartet - wir gehen also nicht unvorbereitet in eine Lebensphase, in der wir das Letzte zu lernen haben:

Hilfe anzunehmen - das hat etwas mit Demut zu tun. Demut ist nichts Schlechtes!

 

Je mehr ICH mich dagegen wehre, desto stärker wird der Druck sein, dem ICH irgendwann nicht mehr standhalten kann.

ICH kann das Alter mit seinen körperlichen und geistigen Gebrechen im Hinblick auf den mir auferlegten Tod als Möglichkeit betrachten, mir den Abschied zu erleichtern.

 

Solang ICH mich an öffentliche Aufgaben (Arbeit, Sozia- les, Jungsein etc.) klammere, schiebe ICH die Lernauf- gabe "Alter" hinaus.

Solang ICH meine vorletzte Aufgabe (z.B. Pflege bedürftiger Angehöriger) nicht als Möglichkeit betrachte und mit meinem Schicksal hadere, vielleicht auch, weil ICH bei mir selbst körperliches und/oder geistiges Nachlassen nicht akzeptiere, werde ICH unzufrieden sein und leiden.

Es geht mir nicht darum, dem Alter gewisse Freuden abzusprechen, sondern nur um die Akzeptanz des Unausweichlichen - und das ohne Fluchttendenzen.

 

Zu erkennen und anzunehmen, was mir zugeteilt ist, um zu lernen, und mir andererseits mögliche Freiräume zu schaffen, indem ich öffentliche Aufgaben abgebe, um Andere "ans Ruder" zu lassen, um mit den noch vorhandenen Kräften das mir mögliche zu tun - und auch mir selbst etwas zu gönnen, denn ein Mensch braucht als "Treibstoff" Freude, Humor und Kontakte zur Außenwelt - das ist der Anfang seelischer Hygiene.

 

Das ist ein Prozess, der wohl einige Zeit in Anspruch nimmt, bis ICH ihn sozusagen "inhaliert" habe. Beim Schreiben dieser Betrachtung habe ich mir selbst Klarheit verschafft und mir vorgenommen, das täglich zu lesen, damit es sich in meinem Hirn verankert, denn ICH neige zu Vergesslichkeit und Selbstmitleid. ICH möchte mich selbst am eigenen Schopf aus diesem Sumpf ziehen, denn das tut niemand sonst.

 

Bitte: meine großbuchstabig-fetten ICHS nicht als arge Selbstüberschätzung zu betrachten, sondern als Mittel zum Zweck - nämlich zu begreifen, dass es hier um mich geht - ICH habe zu begreifen, zu lernen, zu akzeptieren - darf mir aber auch selbst noch Lebensfreude zugeste- hen. Außerdem möchte ich alte Menschen bitten, die nicht in einer Pflegesituation sind, meine Betrachtung nicht auf sich zu beziehen, sie jedoch vielleicht im "Hinterstübchen" zu behalten, falls sie einmal doch betroffen sein sollten - sofern sie überhaupt bis hier gelesen haben.

 

© Barbara6491

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