Die Expansion 

 

Vor einigen Jahren im Kino gewann ich wieder einmal einen drastischen Eindruck unserer aufgeblähten Welt. Am Beispiel der jungen Leute, die da in den Sesseln klemmten, sah ich die Berechtigung der Deix’schen Karikaturen. Dabei kann ich mich nicht ausnehmen – ich bin selbst übergewichtig, und nicht zu knapp! Meine Kilos haben sich jedoch in sechs Jahrzehnten langsam aufgebaut – heute haben bereits Zehnjährige Dimen-sionen, die sie dazu prädestinieren, in einigen Jahren so auszusehen, dass sie in keinen Kinosessel mehr passen. Die Popcornbehälter sind überdimensional, und dazu passen natürlich die Flaschen mit künstlich gefärbtem Zuckerwasser.

 

Abgesehen vom lustigen Film verschaffte mir dieser Kinobesuch noch eine interessante Erfahrung. Der Platz neben mir war frei. Der Film hatte schon angefangen, als ein junger Mann sich neben mich setzte. Leicht erstaunt bemerkte ich, wie er sich ungeniert breit machte – sein Ellbogen stieß meinen von der Lehne, und sein linkes Bein drängte über seine Sitzgrenze hinweg in mein Revier. Verblüfft über diese Unverschämtheit überlegte ich, ob ich mich einengen lassen oder ihn deswegen ansprechen sollte, aber dann begann die Angelegenheit mir Spaß zu machen. Ebenso ungeniert ließ ich meinen Ellbogen vor seinem auf der Lehne ruhen, und mein rechtes Bein lehnte sich bequem an seines – auf die Gefahr hin, wegen sexueller Belästigung belangt zu werden (man stelle sich  eine Sechzigjährige vor, die einen Siebzehnjährigen „anmacht“...). Nur ein Beispiel unserer Ellbogengesellschaft!

 

Heute früh erinnerte ich mich an meine gestrigen Eindrücke und machte mir Gedanken. Wenn das Gesetz des Ausgleichs immer funktioniert, dann müssen angesichts zunehmender Beleibtheit der Menschen der euro-amerikanischen Hemisphäre immer mehr Men- schen hungern – oder ist es umgekehrt – je mehr hun- gern, desto dicker die Minderheit? Was ist die Henne – was das Ei?

 

Konzerne „schlucken“ die Klein- und Mittelbetriebe und ufern immer mehr aus. Die Bürokratie nimmt erschre- ckend zu. Das Internet ist ein Moloch. Süchte gehen ins Uferlose.

 

Was ist der Grund für diese Getriebenheit zum Ein- verleiben oraler Genüsse? Mir drängt sich eine Antwort auf: Lieblosigkeit. Liegt auf der Hand. Wie viele Kinder werden nicht mehr monatelang gestillt? Wie viele in Krippen und Kindergärten geparkt?

 

Wohnen, Heizung, Kleidung und Ernährung sind bei uns so teuer, dass eine Familie mit nur einem Verdienst nicht versorgt werden kann – und außerdem gibt es ja die Gleichberechtigung der Frau, die sich verwirklichen darf, soll, muss. Heute wird bei uns der Ruf nach mehr Fruchtbarkeit laut, da das Missverhältnis Alt/Jung, die Belastung der arbeitenden Menschen, die immer lang- lebigeren Ruheständler zu finanzieren, immer größer wird. Andererseits drängen Kriegs- und Sozialflüchtlinge in die vermeintliche Wohlstandsgesellschaft, und die Weltbevölkerung wächst trotz zunehmendem Wohlstand an Millionen Verhungernden immer weiter. 

 

Die Märkte bei uns sind gesättigt, und Firmen verlagern ihre Produktion in Billiglohnländer, die außerdem „Hoff-nungsmärkte“ sind. Die daraus bei uns resultierende Arbeits-, Aussichts- und Hoffnungslosigkeit in der brei- ten Masse der „Minderqualifizierten“ stürzt die Menschen in Depression, Frust und Resignation, die mit dem Kon- sum billigster Dickmacher und suchterzeugender ande- rer Drogen zugedeckt werden.

 

Wie krank ist unsere Gesellschaft, wenn Menschen sich Fett absaugen und Mägen verkleinern lassen, Diabetes rasant ansteigt (hurra – die Pharmaindustrie jubelt – der Markt floriert!), und andererseits Magersüchtige behan- delt werden müssen?

 

Arbeitslose hören immer wieder das Schlagwort „überqualifiziert“ - Klartext „unbezahlbar“, oder „minder- qualifiziert“ gleich unbrauchbar. Deshalb drängt man jun- ge Leute in teure, lange Ausbildungen, um sie „besser zu qualifizieren“ – mit dem Resultat, dass sie dann oft trotzdem keinen Arbeitsplatz finden. Zur Untätigkeit ver- urteilt, fehlt zu Hause aber jemand, der tröstet, stützt und sich kümmert.

 

Da bin ich nun ratlos und ziehe mich notgedrungen auf den Standpunkt „Ich kann nichts daran ändern – ich muss auf mich und meine engste Umgebung schauen – alles Andere blende ich aus.“ Aber wohl fühle ich mich dabei trotzdem nicht...

© Barbara6491

 

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