Ein unehrenhaftes Angebot

 

„Bettina, erinnerst du dich, wie wir 1958 bei Frau Pfingstbauer in Zürich angefangen haben? Heute bist du alt genug, dass ich dir erzählen kann, wie es zu dem abrupten Ende unseres dortigen kurzen Gast- spiels kam.

 

Frau Pfingstbauer, sehr stattliche, schwerreiche Witwe eines Millionärs, der in Ecuador mehrere Kupferminen besaß, hatte sich im Villenviertel niedergelassen und suchte für das große Haus ein Dienerehepaar. Ihr halbwüchsiger Sohn Francois wurde von seinem Kindermädchen, der Majaindianerin Lella, betreut. Außerdem gab es ein weiteres Dienstmädchen. Wir waren nach Chur gefahren, wo die Dame Urlaub machte, hatten uns dort vorgestellt und sollten umgehend am Zürichberg einziehen. Unsere finan-zielle Situation war damals sehr angespannt, wir hatten uns schon Geld geliehen, und es war höchste Zeit, das für uns viel zu teure Hotelleben aufzugeben, sodass wir aufgrund der großzügigen Versprechungen unserer neuen Dienstherrin mit Freuden zugriffen. Einige Tage später bezogen wir zwei Zimmer im Dachgeschoß.

 

Frau Pfingstbauer zeigte uns das Haus und erteilte dabei bereits eine Unzahl Anweisungen, die wir uns kaum merken konnten. Wir hofften auf Nachsicht, wenn am Anfang nicht alles auf Anhieb klappen sollte. Weit gefehlt. Wenn Mutti und ich morgens früh in die Küche kamen, lagen dort bereits mehrere Bögen Papier mit weiteren Anweisungen. Lella sprach nur gebrochen Deutsch und huschte wie ein dunkler Schatten durchs Haus, ängstlich bemüht, die „Gnä- dige“ nicht zu verärgern. Robert war schändlich verwöhnt und scheuchte Lella, das Dienstmädchen und mich in anmaßendem Ton durchs Haus, was mich innerlich zur Weißglut brachte. Dieser Bengel ließ mich täglich, stündlich spüren, wer hier das Sagen hatte! Ich hatte früh zuerst in unzähligen Blumenvasen das Wasser zu erneuern, die Blumen frisch anzuschneiden und in den Räumen zu verteilen. Bei dieser Gelegen- heit fand ich weitere Zettel mit scharfen Anweisungen, Ge-und Verboten. Sowas hatten wir noch nicht erlebt! Es gab kaum Freizeit, und die angekündigten kleinen Geldgeschenke wogen den Aufwand an zusätzlichen unbezahlten Arbeitsstunden bei Weitem nicht auf. Wir bissen die Zähne zusammen und ballten die Faust in der Tasche – wir wollten nicht schon wieder die Stelle wechseln. Für dich hatten wir kaum Zeit, du warst dir selbst überlassen, aber wir wussten, dass du keinen Unsinn machst. Wenn du Bücher und Zeichenpapier hattest, warst du zufrieden. Deine Ausflüge mit dem Spaniel der Hausherrin boten auch keinen Anlass zur Sorge. Du warst deinem Alter weit voraus, aber was uns in diesem Haushalt beschwerte, bekamst du sicher nur am Rande mit.

 

Die Vorschriften der Hausherrin nahmen kein Ende, alles war bis ins Letzte reguliert und kontrolliert – sie war ein wahrer Teufel im Erfinden neuer Schikanen und beherrschte ihre Untergebenen mit unvergleich-lichen Machtgelüsten. Ihre schriftlichen Ergüsse strahl- ten eine derartige Kälte aus, dass es einen unwill-kürlich fröstelte.

 

Eines Nachmittags befahl sie mich in ihren Salon. Ich war innerlich auf irgendeine ätzende Kritik gefasst und grübelte auf dem Weg über die dicken Teppiche, die ich täglich saugte und deren Fransen stets gerade gekämmt zu liegen hatten, darüber nach, was wohl dieses Mal ihren Unmut erregt haben mochte. Mir fiel nichts ein, und schicksalsergeben klopfte ich und trat ein. Aufgeräumt rief sie:

 

„Kommen Sie, Dorner – nehmen Sie Platz, setzen Sie sich zu mir. Einen Cognac?“ Freundlich nickend wies sie auf einen gemütlichen Sessel. Verblüfft sank ich ihr gegenüber auf die Polsterung. Sie bot mir einen Cognacschwenker an, den ich verdattert entgegen nahm. Sie prostete mir zu und fragte:

 

„Na, Dorner, wie haben Sie, Ihre liebe Frau und Ihre Tochter sich denn nun eingelebt? Ich hoffe doch, Sie sind zufrieden – denn ich bin es ebenfalls – Sie sind sehr bemüht, das muss ich wirklich anerkennen! Und Ihre Frau – die Arme – es wird ihr wohl nicht leicht fallen, das alles zu bewältigen, nicht wahr? Und das Kind hat jetzt doch einen recht weiten Schulweg, oder?“ Sie erwartete offenbar gar keine Antwort und fuhr in öligem Ton fort:

„Wissen Sie, ich habe mir Gedanken gemacht, wie ich Sie entlasten könnte - und besonders Ihre Frau.! Was halten Sie davon, wenn ich Ihnen unten in der Stadt eine Wohnung miete und nur noch Sie hier bei mir arbeiten? Selbstverständlich hätten Sie einen ganzen Tag in der Woche frei, den Sie mit Ihrer Familie verbringen könnten .“

Ich starrte sie wohl ziemlich verständnislos an, und sie lachte:

 

„Keine Sorge wegen des Geldes – natürlich zahle ich das Salär für Ihre Frau weiterhin,  Miete und Neben-kosten übernehme ich auch – und Sie selbst bekom- men natürlich ein höheres Salär, Ihrer Stellung ent- sprechend.“

 

"Stellung? Welche Stellung meinen Sie? Was hätte ich denn zu tun? Ich schaffe doch jetzt schon kaum die ganze Arbeit, da kann ich doch nicht noch die von meiner Frau übernehmen. Und eine Wohnung? Wieso???“ Sie beugte sich vertraulich vor, nahm meine Hand und säuselte:

 

„Ach, wissen Sie, Dorner, Sie sind so ein kultivierter Mann – Sie stünden dann ganz zu meiner Verfügung, und für die Arbeit stelle ich eben ein neues Dienerehepaar ein. Was denken Sie?“

 

„Wie, zu 'Ihrer Verfügung', wie meinen Sie das denn?“

 

„Na ja, also – ich meine, Sie helfen mir dann bei allem, beim Baden, beim Aus- und Ankleiden, als Gesell-schafter – Sie sind dann immer bei mir, verstehen Sie?“

 

Angeekelt entzog ich ihr meine Hand, stand auf, schüttelte den Kopf und eilte hinaus. Ich flog förmlich durch Räume und Flure bis in die Küche, wo Mutti gerade abwusch. Ich nahm ihr das Geschirrtuch aus der Hand, legte es beiseite und trieb sie an:

 

„Schnell, schnell, Hanni – rauf aufs Zimmer, packen, packen – wir hauen hier sofort ab!“, nahm sie an der Hand und zog sie die Treppen hoch. Sie stolperte hinter mir her und rief:

“Was ist denn bloß los? Bist du verrückt?“

„Ich erzähl dir später alles – nur so schnell wie möglich erst mal  raus hier!“

Ich zerrte die Koffer vom Schrank und begann, wahllos Sachen hineinzuwerfen. Mutti nahm alle wieder heraus, legte sie mechanisch ordentlich zusammen und stapelte sie platzsparend in den Koffern. Wäh- renddessen ging ich zu dir, Bettina, und erklärte dir, dass wir sofort wieder ins Hotel zögen – ich würde später erklären, warum. Ich half dir, deine Sachen zu packen. Viel war es ja nicht – zusammen hatte unsere Habe in drei mittleren Koffern Platz. Ich trug deinen in unser Zimmer, wo Mutti inzwischen Schränke und Kommode kontrollierte, die Bettdecken und Kissen hob und unter die Betten sah, ob nichts vergessen sei. Ich trug zwei Koffer, Mutti folgte mit dem dritten und dir, und ich rief ein Taxi. Wir trugen das Gepäck auf den Gehsteig, und bald stiegen wir in den Mietwagen, der uns zurück in den Seilerhof brachte.

 

Ich weiß nicht mehr, was wir dir erzählt haben – kannst du dich daran erinnern?“

 

„Nein, ich weiß überhaupt nichts mehr, hab nur verschwommene Visionen von Unmengen Blumenva- sen auf der Treppe und so gelben Zetteln, eng be- schrieben, und wie du dich immer geärgert hast. Die wollte dich also kaufen?“

 

„Ich hab ja im Krieg und auch später einiges erlebt – aber das Ansinnen, den Leibeigenen dieses Miststücks zu spielen, widerte mich mehr an als alles bisher gekannte.“

„Und Mutti?“

„Die war völlig konsterniert. Ihr kleiner Kurt? Sozusa- gen als „Kurtisan?“

 

©barbara6491

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