Von sämtlichen Seiten gesehen

Während einer Gesellschaftsreise „Rund um Irland“ erlitt eine Teilnehmerin einen Zusammenbruch, der Einliefe- rung in ein Krankenhaus erforderlich machte.

 

Karoline, die Reiseleiterin, hatte einige Schwierigkeiten, Ansprechpersonen in der Heimat ausfindig zu machen. Die Gruppe war  in entsprechendem Aufruhr – Unsicher- heit, wie der Rest der Reise ablaufen würde, machte sich breit. Karoline teilte ihnen beim Abendessen mit, dass sie für den kommenden Tag ein Ersatzprogramm zusam- mengestellt habe, da im Laufe des Tages eine Bekannte von Frau Kroll, der Patientin, herüberfliegen und sich um alles Weitere kümmern würde. Übermorgen könne man dann die Reise, wie geplant, fortsetzen. Es kam keine rechte Stimmung mehr auf, und sie zogen sich frühzeitig in ihre Zimmer zurück. Alle waren nachdenklich und innerlich mit dem plötzlichen Zwischenfall beschäftigt.

 

Frau Kroll erschien vor Johannas innerem Auge – eine untersetzte Person, die einen würdigen Eindruck machte, schon älter, gehbehindert und daher auf einen Stock gestützt, konservativ gekleidet, mit Brille an einer Kette. Sie tat Johanna leid, obwohl es ihr schon als typisch für Frau Kroll vorkam, dass ausgerechnet sie die Ursache für diese unliebsame Reiseunterbrechung war, da Johanna sich mehrfach über die ständigen Extrawürste, die Frau Kroll verlangte, geärgert hatte. Dieser Zusammenbruch war ihr deswegen aber nicht zu gönnen – so etwas wünscht man nicht mal seinem ärgsten Feind.

 

Helmut erinnerte sich daran, wie Frau Kroll gleich zu Beginn der Busreise energisch als Erste den Einstieg erklomm und zielsicher eine Zweierbank samt frontal zu dieser gerichtetem Einzelsitz okkupierte – ein Sitz für sich, den gegenüberliegenden für ihr Bein, und den Nebensitz als Gepäckablage für ihre zahlreichen Plastik- taschen und den Stock. Er hatte ihre hinter den Brillen- gläsern herausfordernd blitzenden Augen und ihre Ellen-bogentechnik gleich richtig eingestuft und sie in das Kästchen „Rücksichtsloser Egoismus“ eingeordnet. Sei- ner Ansicht nach hatte sich dieses Urteil dann während der bisherigen Reise immer wieder bestätigt.

 

Elfriedes Gefühle, Frau Kroll betreffend, waren zwiespäl- tig. Sie erinnerte sich an die außerordentliche Dank- barkeit von Frau Kroll, als sie ihr eine Batterie für deren Fotoapparat borgte, was dann auch zu einigen Gesprä- chen geführt hatte, in denen sie in groben Umrissen ihre Lebensumstände austauschten. Elfriede hatte erfahren, dass Frau Kroll Hermine hieß, nie geheiratet hatte, in einem Dörfchen in der Nähe einer Kleinstadt wohnte, und dass sie viele Jahre im Diplomatischen Dienst in aller Herren Länder gearbeitet hatte. Sie war nun schon lange pensioniert, und da sie es nie geschafft hatte, wirkliche Bindungen zu knüpfen, war sie einen Teil des Jahres mit Gesellschaftsreisen unterwegs, um nicht ganz zu ver- sauern. Diese organisierten Reisen erleichterten ihr be- sonders im Hinblick auf ihre Behinderung vor allem den Gepäcktransport und die Unterbringung, da sich immer jemand Hilfreicher fand, der zugriff, wenn Not am Mann war. Diese Gesichtspunkte machten Elfriede zumindest teilweise das manchmal doch reichlich schroffe Verhalten von Frau Kroll verständlich, wenn auch nicht entschuld- bar. Elfriede hatte aber doch aus den Gesprächen ent- nommen, dass Frau Kroll auch einige gute Seiten hatte.

 

Karoline dachte daran, dass ihr nun die dauernden Meckereien von Frau Kroll über die „unzumutbaren Zimmer“ erspart bleiben würden, und war erleichtert. Bei fast jeder Reise gab es solch schwierige, niemals zufriedenzustellende Teilnehmer – damit hatte man sich einfach abzufinden. Warum Menschen, denen es keiner Recht machen konnte, an Gesellschaftsreisen teilnah- men, war ihr schon immer unverständlich gewesen.

 

Horst erinnerte sich, wie Frau Kroll ihm einmal gesagt hatte, sie werde in ihrem Frauenverein XY, dessen Schriftführerin sie sei, dieses Reiseunternehmen unmög- lich machen – das sei sie ihren Mitstreiterinnen schuldig. Sie reagierte empört auf Horsts Einwurf, dass doch alles recht gut organisiert und er mit allem durchaus zufrieden sei, und war äußerst indigniert, dass er von ihrem Elite-verein noch nie gehört hatte. Er hatte genau gespürt, welcher Gedanke hinter ihrer Stirn ablief: ‚Was für ein Banause!’

 

Richard unterhielt sich mit seiner Frau Henny über Frau Kroll. Henny äußerte ihr Bedauern über deren Erkran- kung, was Richard zu der Bemerkung veranlasste: „Mir erzählte sie in hochtrabendem Ton von ihrer diploma-tischen Laufbahn – dabei war sie allerhöchstens Bot- schaftssekretärin. Ein echter Diplomat würde sich nie so wie sie verhalten – sie wäre da völlig fehl am Platz gewesen." Henny erwiderte: „Meinst du nicht, dass du ein wenig toleranter sein solltest? Sie konnte wegen ihres unsteten Lebens nie echte Bindungen eingehen. Sowas macht einsam und verbittert. Warum, denkst du, hat sie eine Gesellschaftsreise gebucht? Mit ihrer Behinderung ist sie doch sehr gehandicapt, und ihre Kritiksucht ist meiner Ansicht nach nichts als Überkompensierung einer Unsicherheit, wenn sie sich in Gesellschaft befindet. Mir tut sie leid – sie muss sich ja zeitweise selbst zuwider sein."

„Ach, erzähl’ mir doch nichts! Es gibt Menschen, die sehen nur eines: sich selber – und sie gehört sicher zu dieser Sorte!“

„Bedenke, dass sie durch ihre Bindungslosigkeit niemanden hatte, an dem sie sich kontinuierlich reiben und entwickeln konnte – da hätte sich sicher manches abgeschliffen.“

„Ja, ja – kann schon sein. Aber sie hat mir mit ihrer unguten Art diesen Urlaub doch einigermaßen be- einträchtigt, weil sie so präpotent ist.“

„Ach, komm – nimm’s mit Humor. Solche Menschen sind das Salz in der Suppe. Du wirst gerade diesen Urlaub besonders in Erinnerung behalten und darüber lachen, wenn du erst mal Abstand hast. Und was wäre, wenn solche Menschen eben dazu da sind, uns zu veranschaulichen, wie man sich eben nicht verhalten sollte?“

 

Am nächsten Tag traf  Frau Handlos ein, die Dame, die sich nun um Frau Kroll kümmern sollte. Abends saß sie mit den Reiseteilnehmern und Karoline am Tisch und erzählte von ihrem Besuch im Krankenhaus:

Sie ist jetzt über den Berg – es war wohl eine Herz- attacke, vermutlich ausgelöst durch eine psychische Belastung. Sie werden auf der Reise ja gemerkt haben, welch schwieriger Mensch sie ist – und sie ist für sich selbst völlig betriebsblindund nur selten irgendwelchen Argumenten zugänglich. Ich sehe ihr trotzdem vieles nach, weil sie sich – gerade durch ihre rigorose Art sehr erfolgreich – immer sehr für Benachteiligte und in Schwierigkeiten Befindliche eingesetzt hat – sie hat nämlich eine Menge Zivilcourage!“

Nachdenkliche und skeptische Blicke wurden aus- getauscht, und einige Verlegenheit griff um sich, bis Karoline mit einer abschließenden Bemerkung die Stille unterbrach: „Na, wir wünschen ihr jedenfalls – trotz allem – das Beste. Hoffen wir, dass Sie beide bald ohne Probleme heimfliegen können. Richten Sie ihr bitte Grüße und alles Gute zur Genesung von uns allen aus, ja?“

Auch an diesem Abend hatte keiner der Reiseteilnehmer Lust auf einen abendlichen Umtrunk, und alle verab-schiedeten sich von Frau Krolls Freundin, da die Reise ja nun am nächsten Morgen fortgesetzt werden sollte.

 

Frau Handlos saß auch am folgenden Vormittag an Frau Krolls Bett. Die döste vor sich hin. Allmählich kehrte sie ins Bewusstsein zurück. Mühsam hoben sich ihre Augenlider, und die Umwelt erschien ihr zuerst nur verschwommen. Helles, fast zu grelles Licht blendete sie. Nach und nach festigten und klärten sich die Konturen, bis sie erfassen konnte, dass sie offensichtlich in einem Krankenzimmer lag. Sie versuchte, sich aufzusetzen, sank aber gleich ermattet wieder in die Kissen zurück. Sanft ergriff eine Hand die ihre. Sie wandte den Kopf zur Seite und erkannte ihre Freundin. „Was ist mit mir?“, fragte sie stockend, da ihr Mund ganz ausgetrocknet war.

„Du bist zusammengeklappt und warst nicht bei Dir. Man musste Dich ins Krankenhaus bringen. Ich bin gestern herübergeflogen – mach’ Dir keine Sorgen. Sie haben alles im Griff, und ich kümmere mich um alles Not- wendige. Wir können bald nach Hause fliegen.“ „Ach ja – was ist mit der Reise? Wieso bin ich zusammengebrochen?“

Es gab wohl irgendwie Ärger in der Gruppe, und Du hast Dich anscheinend so aufgeregt, dass Du eine Herz- attacke hattest – aber es ist alles wieder in Ordnung. Schlaf’ nur und ruh’ Dich aus – ich komme morgen wieder!“

Sie verabschiedeten sich, und Hermine schloss zu- frieden die Augen. Allmählich klärte sich ihr Erinne-rungsvermögen. ’Dieser unverschämte Kerl, der Horst, der hat mir so zugesetzt! Aber ich bin ihm nichts schuldig geblieben. Was bildet der sich ein? Der kann mir doch nicht das Wasser reichen, ungebildet, wie er ist. Dass die Menschen doch nichts lernen wollen; immer bin ich mit Leuten konfrontiert, die meinen Status, meinen Wert und meine Erfahrungen einfach nicht zu schätzen wissen – diese Ignoranten. Dabei bin ich doch so bereit, mein Potential mit anderen zu teilen! Immer werde ich missverstanden. Hat der mir doch glatt vorgeworfen, ich sei hochmütig! Dabei verlange ich doch nur, was mir zusteht. Wenn man mir das verweigert, muss ich mich eben rühren – wenn ich immer den unteren Weg gegangen wäre, hätte ich nie etwas für mich – und andere – erreichen können.’

Bei diesen Gedanken war ihr Blutdruck so angestiegen, das der Piepser, der an einem ihrer Finger befestigt war, eine Schwester auf den Plan rief, die die Situation gleich erfasste. Begütigend tätschelte sie Hermines Arm und sprach auf sie ein. Hermine war froh und innerlich dankbar über ihr durch den Beruf perfektes Englisch, das ihr die Verständigung leicht machte. Dankbar – auch für die freundliche Zuwendung – lächelte sie die Schwester an und dachte: ’Endlich eine unvoreingenommene Person, die mich akzeptiert, wie ich bin!' Tunlichst vermied sie jeden Gedanken daran, dass die Schwester ja noch keine Erfahrungen mit ihr hatte.

 

©  Barbara6491

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